Es ist schon ein paar Tage her, da führte mich mein Weg am Fluss entlang, an dem ich aufgewachsen bin. Der Blick schweift nach Bewegung oder Mustern suchend automatisch an den Ufern entlang und die Ohren warten auf Geräusche, die aus dem Rauschen des Flusses herausstehen. Ich hatte die Hoffnung, dass ich die Wasseramsel (Cinclus cinclus) in den seichteren Stellen beim Tauchen beobachten könnte und ich wurde nicht enttäuscht. Sie saß gerade auf einem Stein, putzte sich und sprang ins Wasser. Ungewöhnlich war aber, dass sie zielgerichtet aus dem Wasser heraus auf das gegenüberliegende Ufer zuflog. Und da sah ich es… eine zweite Wasseramsel. Allerdings grau, mit den Flügeln wedelnd und mir war klar, dass dies nun offiziell das erste Vogelkind des Jahres ist.

Der Winter ist gerade erst vorbei, vor Kurzem waren Minusgrade und hart gefrorener Boden noch Alltag. Der Fluss war an den Rändern noch gefroren und genau in dieser Atmosphäre hat diese Wasseramsel ihr Nest gebaut und mindestens ein Ei erfolgreich ausgebrütet. Neues Leben entstand, hat die eisigen Wochen überstanden und ist während der ersten Sonnenstrahlen, die den Bäumen das Zeichen gegeben haben ihre Knospen aus dem Holz zu schieben, aus dem Nest heraus in die Welt gekommen. Die zufällige Entdeckung dieser kleinen Wasseramsel am Flussufer war für mich einer dieser Momente, die einen aus dem gedanklichen Gewirr eines Durchschnittstages herausholen, ein sofortiges Stopp aller Nebensächlichkeiten verursachen.

Vielleicht geht es nur mir so, aber für mich hat das Bedeutung, die weiter reicht als die bloße Beobachtung eines natürlichen Vorgangs.
Natürlich hat es Bedeutung im Bezug auf den Naturschutz usw. Dem kleinen Vogel aber zuzusehen wie er seine Umwelt erkundet wirkt sich auch auf meine eigene Sicht mancher Situationen und dem Erkennen unbewusst gesetzter Grenzen aus.

Der junge Vogel springt sprichwörtlich ins kalte Wasser, schwimmt und taucht und erkundet die Welt, die mit all ihren Licht- und Schattenseiten auf ihn einwirkt. Er zeigt eine so absolute Neugier auf Leben, dass man seine eigenen Motivationen und Reaktionen zu hinterfragen beginnt und sich die Frage stellt, wo man selbst diese Neugier verloren haben könnte. Nicht die ganze, aber mit Sicherheit einen Teil davon und ob es einen Weg gibt, wie man sich diesem Zustand wieder nähern kann. 

Ich denke, den gibt es. Es ist für jeden anders, aber für mich findet er sich genau in den Gedankengängen, im Erleben dieser Momente, die mir die Natur ohne Vorwarnung präsentiert und mich den Alltagstrott wieder hinterfragen lässt. Außerdem verursachen diese Entdeckung absolute Freude, setzten sich in meiner Erinnerung fest und bleiben dort erhalten.

Quirin VinthurSteiermark, Österreich16. April 2025