Wir stehen kurz vor der Wintersonnenwende und heute ist mein vierzigster Geburtstag. Ich spiele schon seit Jahren mit dem Gedanken, meine Erlebnisse mit der Natur, die dabei entstehenden Gedanken und natürlich die Bilder mit der Welt zu teilen und ich denke, heute ist ein guter Tag um damit anzufangen.


Das Wort Natur ist mir immer in Wirklichkeit ein wenig zuwider, weil es eine Unterscheidung zwischen uns Menschen und dem uns umgebenden Systems zulässt. Dabei gibt es in Wirklichkeit keinen Unterschied. Es gibt nur ein Mitwirken oder den Versuch des Dagegenwirkens. Natur ist aus meiner Sicht das allumfassende System, das, auch wenn wir uns dem Anschein nach noch so sehr bemühen, es an uns anzupassen, immer über, unter, in und um uns herum sein und seinen eigenen Regeln folgen wird.
Wir als Spezies können unsere Umwelt formen, umwandeln, zubetonieren. Ein kurzes Hochwasser, in Vulkanausbruch oder ein Erdbeben macht uns aber in einem einzelnen kurzen Moment einen Strich durch die Rechnung und sollte uns eigentlich daran erinnern, dass wir nicht über den Dingen stehen. Die Natur ist dem Mensch nicht untergeordnet. Wir bewegen uns in ihr und sie herrscht in uns. Wir geben uns nur all zu oft hochmütig dem Irrglauben an eine Übermacht hin.

Mir war dieses System schon immer bewusst und wichtig. Meiner Familie genau so und so konnte ich in einem Umfeld aufwachsen, das achtsam mit der Tierwelt umgegangen ist. Zwischenzeitlich, hauptsächlich in meinen 20ern war ich der Meinung, dass das wahre Leben in der Stadt zu finden sei. Das war in meinem Fall ein großer Irrtum. Seit ich mit 17 Jahren von zuhause weggezogen bin und über einen Umweg in der ersten Stadt angekommen war, war ich unbewusst aber rastlos auf der Suche. Mir wurde das erst Jahre später bewusst, aber was ich gesucht hatte, war der direkte Zugang zum Wald, der Baum vor meinem Fenster, in dem Vögel ihre Jungen aufziehen und dessen Knospen ihnen im Winter Futter geben. Was ich gesucht habe, war die Besinnung auf die Jahreszeiten, auf die immer wiederkehrenden Zustände im Kreislauf des Jahres, vom Beginn des Kreises mit der Sonnenwende im Dezember, heraus aus der Dunkelheit des Winters über die ersten Gesänge der Amsel, die den Frühling ausrufen, weiter zu den ersten Sonnenstrahlen, der Rückkehr der Zugvögel aus dem Süden, der Krötenwanderung, dem Auftauchen der ersten Nester in den Bäumen, über den Sommer, den trockenen heißen Tagen und den heftigen Gewittern weiter zur Regenzeit im Herbst mit seinen dampfenden Bergen. Irgendwann gibt ein Hausrotschwanz seinen letzten territorialen Gesang ab und macht sich danach auf den Weg in den Süden Europas. An seiner Stelle findet sich die erste Gruppe Bergfinken aus Skandinavien kommend in den Bäumen des Dorfes wieder und der die ersten Zeichen des kommenden Winters sind da. All das habe ich gesucht, ohne es wirklich zu wissen und erst als ich vor ein paar Jahren, während ich gerade wieder in Wien versuchte einem dieser Irrwege zu folgen, wurde es mir bewusst. 

Es war schon in meinen Dreißigern. Ich lebte gerade in Wien und war an den Wochenenden immer wieder zu Besuch bei meiner Familie in der Steiermark, an dem Ort, an dem ich aufgewachsen bin. An einem dieser Wochenenden bin ich eines dieser versteckten Seitentäler hineingewandert. Es war sehr früh an einem kalten Herbsttag. Etwas, das ich auch in den Jahren zuvor immer wieder gemacht hatte, wenn mich etwas Negatives beschäftigt hat, war der Weg in den Wald. So war es auch an diesem Tag. Wien, diese Stadt und dieser Zustand haben mir extrem zugesetzt. 

Die Stadt war laut, hat gestunken und die Dynamik in der Öffentlichkeit war einem Ameisenhaufen gleichzusetzen. Ständige Reizüberflutung. 

Als ich nach knapp einer Stunde am Weg an einem alten mit Bartflechten behangenen Ahorn vorbeikam, musste ich stehen bleiben und ich habe den Ahorn um Antwort gefragt. Soll ich in Wien weiter einer Karriere folgen oder alles aufgeben und wieder in die Steiermark zurückkehren. Es hat ein wenig gedauert, aber es kam eine Antwort. Sie kam in der Form eines Wassertropfens, der neben mir auf einem Stein gelandet ist. Kurz darauf noch einer und dann noch einer. Ein weiches Blätterrauschen, Nebel und weiter nichts. Absolute Stille. Kein Ton aus menschlichem Ursprung, keine Motorengeräusche keine Bewegung um mich herum und genau so still war es in mir. Die Fragen waren beantwortet und die Entscheidung getroffen. Ein paar Wochen später habe ich Wien verlassen und lebe seither wieder dort, wo ich aufgewachsen bin. Ich verbringe so viel Zeit wie nur irgendwie möglich damit, meine Umwelt zu erkunden und zu erleben, dem wilden Leben hier zu begegnen, Tiere zu entdecken, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie hier sind. Von Eisvögeln über Kolkraben, Steinböcken und Gämsen, die von den Bergen beinahe bis ins Tal herunterkommen. All das hat für mich die höchste Bedeutung und ich kann nur hoffen, dass es mehr Menschen gibt, die die Natur so erleben können, mit einem andauernden Staunen und einer Begeisterung für die sich ständig verändernden Gegebenheiten.  

Quirin VinthurSteiermark, Österreich20. Dezember 2024